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Behandlung

Kieferorthopädie: Was Sie über Zahnspangen, Aligner und Kieferkorrekturen wissen sollten

Kieferorthopädie befasst sich mit der Diagnose und Behandlung von Zahn- und Kieferfehlstellungen — von der leicht verschobenen Zahnreihe bis hin zu ausgeprägten Bissfehlerungen, die Kauen, Sprechen oder die Gelenkgesundheit beeinträchtigen. Fehlstellungen sind häufig: Laut Erhebungen zeigen mehr als die Hälfte der Kinder in Deutschland eine korrekturbedürftige Abweichung. Behandlungen sind in jedem Alter möglich — von der frühen Prophylaxe im Grundschulalter bis zur Korrektur im Erwachsenenalter. Dieser Überblick erklärt, wann eine kieferorthopädische Behandlung sinnvoll ist, welche Methoden es gibt, was die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt — und welche Fragen Sie bei Ihrem nächsten Praxisbesuch stellen sollten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Zahn- und Kieferfehlstellungen lassen sich in jedem Lebensalter behandeln — mit unterschiedlichen Methoden und Zielen.
  • Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Behandlung bei ausreichendem Schweregrad (KIG-Stufe 3–5).
  • Es gibt herausnehmbare Geräte, fest sitzende Zahnspangen, transparente Aligner und bei Bedarf auch kieferchirurgische Maßnahmen.
  • Nach jeder aktiven Behandlung folgt eine Stabilisierungsphase mit Retainern — sie ist entscheidend für dauerhaften Erfolg.
  • Eine kieferorthopädische Frühuntersuchung wird für alle Kinder ab dem Wechsel der ersten Zähne (ca. 6–8 Jahre) empfohlen.

Was ist Kieferorthopädie?

Kieferorthopädie ist das zahnmedizinische Fachgebiet, das sich mit Fehlstellungen der Zähne und des Kiefers beschäftigt. Der Begriff kommt aus dem Griechischen: „orthos" bedeutet gerade, „odous" bedeutet Zahn. Fachärzte für Kieferorthopädie haben nach dem Zahnmedizinstudium eine mehrjährige Weiterbildung absolviert.

Behandelt werden sowohl rein dentale Fehlstellungen — also Abweichungen einzelner Zähne von ihrer Sollposition — als auch skelettale Anomalien, bei denen die Kiefer selbst in ihrer Lage oder Größe voneinander abweichen. Letztere können in schweren Fällen eine Kombination aus kieferorthopädischer Behandlung und Kieferchirurgie erfordern.

Ziele der Behandlung sind nicht allein Ästhetik: Eine korrekte Okklusion (das Zusammenspiel beider Zahnreihen beim Beißen) hat direkte Auswirkungen auf das Kauen, auf die Kaumuskulatur und das Kiefergelenk, auf die Aussprache sowie auf die langfristige Stabilität der Zähne.


Welche Fehlstellungen gibt es?

Fehlstellungen lassen sich nach Art und Schwere unterscheiden. Häufige Formen sind:

Engstand — zu wenig Platz im Kiefer führt dazu, dass Zähne sich überlappen oder verdrehen. Er ist die häufigste Fehlstellung überhaupt.

Überbiss (overbite / deep bite) — die Oberkieferfrontzähne bedecken die unteren zu stark. In ausgeprägten Fällen können die unteren Schneidezähne in das Zahnfleisch beißen.

Offener Biss — Ober- und Unterzähne berühren sich beim Zubeißen in einem Bereich nicht. Häufig ist ein langer Daumenlutscher- oder Nuckelgebrauch ursächlich.

Kreuzbiss — ein oder mehrere Zähne des Oberkiefers stehen hinter denen des Unterkiefers. Das belastet das Kiefergelenk und kann zu einseitiger Abnutzung führen.

Progenie / Prognathie — der Unterkiefer (Progenie) oder der Oberkiefer (Prognathie) steht deutlich vor. Bei stärkerer Ausprägung ist häufig eine kieferchirurgische Mitbehandlung nötig.

Lücken (Diastema) — Zahnlücken, die funktionell oder ästhetisch stören, beispielsweise eine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen.

Durchbruchsstörungen — Zähne, die nicht oder falsch durchbrechen, besonders Eckzähne und Weisheitszähne.


Wer behandelt kieferorthopädisch?

Kieferorthopädische Behandlungen führen zwei Gruppen durch: Fachzahnärzte für Kieferorthopädie (mit abgeschlossener Fachzahnarztweiterbildung) und Zahnärzte, die sich in diesem Bereich weitergebildet haben, jedoch keinen Facharzttitel tragen. Bei komplexen Fällen — etwa ausgeprägten Skelettanomalien oder Kiefergelenkserkrankungen — arbeiten Kieferorthopäden, Kieferchirurgen und Zahnärzte eng zusammen.


Behandlung in verschiedenen Lebensphasen

Kinder und Jugendliche

Die häufigste Behandlungsgruppe. Solange das Gesicht noch wächst, lassen sich Kieferpositionen durch herausnehmbare Geräte oder funktionskieferorthopädische Apparaturen aktiv lenken. Feste Zahnspangen (Multiband) kommen in der Regel ab dem vollständigen Durchbruch der bleibenden Zähne zum Einsatz, meist zwischen 11 und 14 Jahren.

Erwachsene

Kieferorthopädie ist auch im Erwachsenenalter möglich und zunehmend nachgefragt. Da das Wachstum abgeschlossen ist, können Kieferfehlstellungen nicht mehr allein durch Geräte korrigiert werden — schwere Fälle erfordern einen kombiniert kieferchirurgisch-kieferorthopädischen Eingriff. Für leichte bis mittelschwere Fehlstellungen sind transparente Aligner besonders beliebt, da sie im Alltag kaum sichtbar sind.


Behandlungsmethoden im Überblick

Es gibt keine universell beste Methode — welche Apparatur am besten geeignet ist, hängt von der Art der Fehlstellung, dem Alter, der Mitarbeit (Compliance) und individuellen Präferenzen ab. Die wichtigsten Methoden:

Herausnehmbare Geräte und Funktionskieferorthopädie

Geräte wie der Aktivator oder die Bionator nutzen das Kieferwachstum bei Kindern gezielt aus. Sie werden überwiegend nachts getragen und lenken Kiefer und Muskulatur in eine günstigere Position. Diese Methode wird vor allem in der Frühbehandlung eingesetzt.

Feste Zahnspange (Multiband / Brackets)

Metallene oder keramische Brackets werden auf den Zähnen befestigt und mit einem Bogen verbunden, der über die Zeit kontinuierlichen Zug ausübt. Diese Methode ist besonders präzise und eignet sich für komplexe Fehlstellungen. Lingualtechnik ist eine Variante, bei der die Brackets unsichtbar auf der Zahninnenseite sitzen.

Aligner-Therapie

Transparente, herausnehmbare Kunststoffschienen, die alle ein bis zwei Wochen gewechselt werden. Sie sind ästhetisch unauffällig, erfordern aber eine hohe Disziplin beim Tragen (mindestens 20–22 Stunden täglich). Für leichte bis mittelschwere Fehlstellungen sehr gut geeignet; bei komplexen dreidimensionalen Korrekturen stoßen sie an Grenzen.

Kieferchirurgie

Bei ausgeprägten skelettalen Diskrepanzen, die kieferorthopädisch allein nicht korrigiert werden können, kommt eine kombinierte kieferorthopädisch-chirurgische Behandlung infrage. Dabei wird zunächst kieferorthopädisch vorbehandelt, dann operiert, dann nachbehandelt. Solche Eingriffe werden stationär unter Vollnarkose durchgeführt.

Knirsch- und Aufbissschienen

Nicht jede Schiene im Mund ist eine Zahnspange. Aufbissschienen (auch Okklusionsschienen genannt) schützen die Zähne beim nächtlichen Zähneknirschen (Bruxismus) und können Kiefergelenksbelastungen reduzieren. Sie verschieben keine Zähne, sondern dienen dem Schutz.

Sportmundschutz

Für Kinder und Erwachsene, die Kontaktsportarten betreiben, ist ein individuell angepasster Sportmundschutz sinnvoll. Er schützt vor Zahnbrüchen, Zahnverlust und Weichteilverletzungen. Konfektionierte Modelle aus dem Sportgeschäft bieten deutlich weniger Schutz als zahnarztgefertigte Varianten.


Frühbehandlung und Prävention

Die S3-Leitlinie der DGKFO und DGZMK empfiehlt, mit einer kieferorthopädischen Diagnostik nicht bis zum vollständigen Zahnwechsel zu warten. Bestimmte Fehlstellungen lassen sich im Grundschulalter einfacher und schonender korrigieren als später — etwa Kreuzbisse, die das Kiefergelenk belasten, oder ausgeprägte Habits (Daumenlutschen, Mundatmung), die aktiv den Kiefer formen.

Eine Frühbehandlung ist keine vollständige Kieferorthopädie — sie bereitet den Boden für eine spätere Hauptbehandlung oder macht diese unter Umständen überflüssig. Nicht jedes Kind braucht sie. Die Entscheidung trifft die behandelnde Praxis gemeinsam mit den Eltern nach eingehender Befunderhebung.


Nach der Behandlung: Retainer und Langzeitstabilität

Wird die aktive Behandlung abgeschlossen, beginnt die sogenannte Retentionsphase. Ohne Stabilisierung wandern Zähne in der Regel in Richtung ihrer ursprünglichen Position zurück — dies gilt in allen Altersgruppen und bei allen Methoden.

Zur Retention kommen fest eingeklebte Drähte (festsitzender Retainer) hinter den Frontzähnen zum Einsatz sowie herausnehmbare Retentionsschienen. Die Tragedauer von herausnehmbaren Retainern ist individuell verschieden; häufig wird eine langfristige oder dauerhafte Nutzung empfohlen.


Kosten und Kostenübernahme durch die Krankenkasse

Gesetzlich versicherte Kinder und Jugendliche

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen kieferorthopädische Behandlungen für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr — sofern eine ausreichende Fehlstellung vorliegt. Die Einstufung erfolgt anhand der Kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG), die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) festgelegt hat. Es gibt fünf KIG-Stufen:

  • KIG 1–2: Leichte Fehlstellungen — keine Kassenleistung
  • KIG 3: Mittelschwere Fehlstellungen — Kassenleistung (mit 20 % Eigenanteil)
  • KIG 4–5: Schwere bis sehr schwere Fehlstellungen — Kassenleistung (mit 20 % Eigenanteil)

Der Eigenanteil von 20 % (bei mehreren gleichzeitig behandelten Geschwistern 10 %) wird erstattet, wenn die Behandlung vollständig abgeschlossen und alle Behandlungsschritte eingehalten wurden.

Zu beachten: Die Kassenleistung umfasst nur Standardapparaturen. Wer für sein Kind Aligner oder Keramikbrackets wählt, zahlt den Mehrpreis selbst.

Erwachsene

Für Erwachsene übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung kieferorthopädische Leistungen nur in Ausnahmefällen — etwa bei kombinierten kieferchirurgisch-kieferorthopädischen Behandlungen bei schweren Kieferanomalien. Private Krankenversicherungen und Zahnzusatzversicherungen können einen Teil der Kosten abdecken; die Konditionen variieren erheblich.

Kosten für eine private Behandlung richten sich nach Umfang, Methode und Region. Eine Beratung mit transparentem Kostenvoranschlag sollte vor Behandlungsbeginn erfolgen.


Wann zur kieferorthopädischen Untersuchung?

Als Orientierung:

  • Alle Kinder ab ca. 6–8 Jahren (Wechsel der ersten Schneidezähne): Erste kieferorthopädische Kontrolle empfehlenswert.
  • Kinder mit frühzeitig verlorenen Milchzähnen oder Habits (Daumenlutschen, Nuckeln über das 3. Lebensjahr hinaus): zeitnah.
  • Bei sichtbaren Fehlstellungen oder Kauschmerzen in jedem Alter: Abklärung sinnvoll.
  • Kiefergelenksbeschwerden, Schnarchen, Mundatmung: Können mit Fehlstellungen zusammenhängen — ärztliche oder zahnärztliche Abklärung empfohlen.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter beginnt man mit einer Zahnspange?
Es gibt kein festes Mindestalter. Bei Frühbehandlungsindikationen kann eine Behandlung bereits mit 6–8 Jahren beginnen. Die klassische Hauptbehandlung mit fester Zahnspange startet meist zwischen 11 und 14 Jahren, wenn die meisten bleibenden Zähne durchgebrochen sind. Die finale Entscheidung trifft die kieferorthopädische Praxis nach Befunderhebung und Röntgendiagnostik.

Wie lange dauert eine kieferorthopädische Behandlung?
Das ist individuell sehr verschieden. Leichte Fehlstellungen lassen sich manchmal in 12–18 Monaten korrigieren, komplexere Fälle können 3 Jahre und mehr dauern. Die Retentionsphase danach ist nicht zeitlich begrenzt — sie kann lebenslang andauern.

Tut eine Zahnspange weh?
Das Anlegen oder Einsetzen selbst ist nicht schmerzhaft. In den ersten Tagen nach dem Einsetzen und nach Anpassungen kann ein Druckgefühl entstehen, das sich meist innerhalb weniger Tage legt. Bei Alignern empfinden viele Patienten den Beginn jeder neuen Schiene als leichten Druck.

Zahlt die Krankenkasse auch Aligner für Kinder?
Nein. Die gesetzliche Krankenversicherung erstattet für Kinder mit KIG 3–5 nur Standardapparaturen. Aligner gelten als privatärztliche Zusatzleistung — den Mehrpreis tragen die Eltern selbst.

Müssen Retainer wirklich dauerhaft getragen werden?
Festsitzende Retainer (eingeklebte Drähte) müssen nicht getragen, sondern nur gepflegt werden — sie sitzen fest. Herausnehmbare Retentionsschienen werden zunächst ganztägig, später nur noch nachts getragen. Wer sie nicht oder zu selten nutzt, riskiert, dass sich die Zähne zurückbewegen. Viele Kieferorthopäden empfehlen ein dauerhaftes Tragen.

Was unterscheidet Kieferorthopädie von Kieferchirurgie?
Kieferorthopädie bewegt Zähne innerhalb des Knochens. Kieferchirurgie verändert die Position des Kieferknochens selbst. Bei schweren Skelettfehlstellungen werden beide Fachgebiete kombiniert: zuerst kieferorthopädische Vorvorbereitung, dann chirurgischer Eingriff, dann kieferorthopädische Nachbehandlung.

Kann man mit einer Zahnspange Sport treiben?
Ja — bei den meisten Sportarten ist das problemlos möglich. Bei Kontaktsportarten (Kampfsport, Hockey, Rugby) empfiehlt sich ein individuell angepasster Sportmundschutz, der auch über Brackets getragen werden kann. Aligner werden beim Sport herausgenommen und durch einen Mundschutz ersetzt.


Quellen


Medizinischer Hinweis

Dieser Text ist allgemeine Patienteninformation und ersetzt keine kieferorthopädische oder zahnärztliche Untersuchung. Jede Fehlstellung ist individuell — Behandlungsbedarf, Methode und Zeitpunkt werden in der Praxis gemeinsam mit Ihnen besprochen.

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